Fragment/Selbstportrait mit grünen Raupen

für Klavier solo (2002/2003)

 

"Sie wusste nicht mehr, ob sie sich draußen befindet und sich drinnen sieht, oder ob sie sich drinnen befindet und sich draussen sieht..."

 

Ich habe dieses Stück für Ernst Surberg im Februar 2002 zu schreiben begonnen. Nach meiner ersten Session mit dem Flügel hatte ich das Material, das sich eigentlich zu zwei Stücken anordnete. So sind zwei Teile oder Stücke entstanden , die beide mit demselben Ereignis verbunden sind und in denselben Prozessen, aber auf unterschiedliche Art und Weise verlaufen. So kann man sie auch separat spielen. Zusammen aber sollten sie ohne Pause gespielt werden. Der erste Teil, Fragment, basiert auf einem Text, den ich im Herbst 2001 geschrieben habe. Es geht hier um die Wahrnehmung von Realem und Irrealem. Ich habe das als körperliche, mentale und psychische Prozesse eines Klavierspielers modelliert, indem ich die spezifischen Einzelheiten - die separat lebenden Hände, Atem und Stimmlaute, die Klavierspieler oft auf natürliche Weise begleiten, sowie träum- und trance-ännliches Denken/Sprechen - verstärkte und dies alles die Faktur des Stückes bilden lasse. Gleichzeitig erschien mir der Pianist, der so viele Stunden an seinem Klavier verbringt, als eine Symbiose, ein mutantes Wesen, das mit dem Klavierkörper ein Einheit bildet oder sogar aus dem Klavier geboren wurde, aber immer noch durch eine Nabelschnur mit ihm verbunden ist.

 

Im zweiten Teil, Marshall. 7th dream, ging es mir um die Umwandlung des Materials durch verschiedene Kombinationen zwischen Inside-Klavier und gleichzeitig "normalem" Tastenspiel, wo das Material sich wieder auf "natürliche" Weise "selbst", den Körperprozessen ähnlich entwickelt. Ich wollte den Klavierkörper selbst atmen, sprechen, "zittern", schreien lassen. Die Entdeckung von neuen Klangräumen innerhalb eines Klanges ist mir sehr wichtig. Vielleicht ist da sogar eine optimistische Botschaft, daß es immer noch eine Dimension gibt, die durch eine leichte Veränderung der Perspektive einen ganz anderen Blick auf das Bekannte verschafft.

 

Als ich vor Beginn des Schreibens an das Stück dachte, sah ich in mir ein Bild, so etwas wie ein stilisiertes Portrait einer Frau, die nackt in einem schönen alten Sessel sitzt, aber irgendwo in einem Garten, - und über ihre Hände und Schulter kriechen große grüne Raupen. Und obwohl die Frau gar nicht mir ähnlich aussah, wußte ich sofort, daß ich es selbst war.

 

Natalia Pschenitschnikova