Mumu
„Mumu“ ist ein Stück nach der gleichnamigen
Novelle des russischen Schriftstellers Iwan Turgenjew. Geschrieben habe ich es
für das Ensemble Zwischentöne, und es wurde von jedem Ensemblemitglied
inspiriert. Sein Konzept ist die Konfrontation „ewiger“ literarischer Motive
mit dem Klangpotential des Ensembles. Ich habe mit jeder Musikerin und jedem
Musiker nach ganz spezifischen Klangfaktoren geforscht, die mit physischen und
psychischen Störprozessen verbunden sind. So entstand die „Vertonung“ dieser wunderschönen
musikalischen Prosa. Den folgenden Abschnitt der Novelle habe ich dem Alt auf
Russisch und dem Tenor auf Deutsch zum Erzählen gegeben:
„Eine Stunde nach diesen Vorfällen ging die Tür
des Kämmerchens auf, und Gerassim zeigte sich. Er hatte seinen Festtagsrock an
und führte Mumu an der Leine. Jeroschka trat zur Seite und ließ ihn
vorbeigehen. Gerassim lenkte seine Schritte zum Tor. Die Bengel und alle, die
auf dem Hofe waren, folgten ihm schweigend mit ihren Blicken. Er kehrte sich
nicht einmal um, seine Mütze setzte er erst auf der Straße auf. Gawrilo
schickte ihm ebendenselben Jeroschka als Beobachter hinterher. Jeroschka sah
von fern, wie er mit seinem Hund in einem Wirtshaus verschwand, und wartete,
bis er wieder heraustrat. Im Wirtshaus kannte man Gerassim und kannte seine
Zeichen. Er bestellte Kohlsuppe mit Fleisch und setzte sich, wobei er sich mit
den Armen auf den Tisch stütze. Mumu stand bei seinem Stuhl und blickte ihn
still mit ihren kleinen klugen Augen an. Ihr Fell glänzte schön, woran man
erkennen konnte, daß sie eben erst gekämmt worden war. Man brachte Gerassim die
Kohlsuppe. Er brockte Brot hinein, schnitt das Fleisch klein und stellte den
Teller auf den Boden. Mit gewohnter Artigkeit, die Suppe kaum mit ihrer
Schnauze berührend, machte sich Mumu ans Fressen. Gerassim schaute ihr lange
zu; zwei dicke Tränen rollten plötzlich aus seinen Augen: die eine tropfte auf
das steile Stirnchen des Hundes, die andere in die Kohlsuppe. Er bedeckte sein
Gesicht mit der Hand. Mumu leerte den Teller zur Hälfte und wandte sich, das
Maul leckend, zur Seite. Gerassim erhob sich, zahlte die Suppe und ging,
begleitet von dem etwas erstaunten Blick des Kellners, hinaus. Als Jeroschka
Gerassim erblickte, sprang er schleunigst hinter eine Ecke, ließ ihn vorbeigehen
und folgte ihm wieder.
Gerassim ging ohne Eile seines Wegs, Mumu ließ er dabei nicht von der Leine. An
einer Ecke der Straße verharrte er wie unentschlossen, und auf einmal eilte er
mit großen Schritten direkt der Krimfurt zu. Unterwegs schwenkte er in den Hof
eines Hauses ein, an dem gerade ein Seitenflügel angebaut wurde, und holte sich
von da zwei Ziegelsteine, die er unter dem Arm trug. Von der Krimfurt wandte er
sich zum Flußufer, das er bis zu einer Stelle entlangging, wo zwei kleine Ruderboote
an Pflöcken angebunden waren – er hatte sie schon früher bemerkt –, er sprang
in eins von ihnen und Mumu tat das gleiche. Irgendein lahmer Alter kam aus der
Hütte hervor, die in der Ecke eines Gemüsegartens stand und schrie ihn an.
Gerassim aber nickte nur mit dem Kopf und legte sich so mächtig in die Riemen,
daß er, obgleich er gegen die Strömung des Flusses ruderte, im Handumdrehn an
die hundert Klafter zurückgelegt hatte. Der Alte stand noch lange da, kratzte
sich dann den Rücken zuerst mit der linken, dann mit der rechten Hand und
kehrte schließlich hinkend in seine Hütte zurück.
Gerassim aber ruderte und ruderte. Schon hatte er Moskau hinter sich gelassen.
Schon erstreckten sich längs der Ufer Wiesen, Gemüsegärten, Felder und Wälder;
Bauernhütten lagen verstreut. Landluft wehte ihm entgegegn. Er ließ die Ruder
fahren, drückte seinen Kopf an Mumu, die vor ihm auf einem trockenen Sitzbrett
saß – der Boden war mit Wasser bedeckt –, und verharrte reglos, die mächtigen
Arme über ihrem Rücken verschränkt, während die Fluten den Kahn sacht zur Stadt
zurücktrugen. Schließlich richtete sich Gerassim auf, wand hastig, mit
schmerzzerquältem, bitteren Gesichtsausdruck einen Strick um die mitgenommenen
Ziegelsteine, legte eine Schlinge, streifte sie Mumu um den Hals, hielt sie
über die Fluten und blickte sie ein letztes Mal an ... Zutraulich und ohne
Furcht sah sie ihn an und wedelte leise mit dem Schwänzchen. Er wandte sich ab,
schloß die Augen und löste die Hände ... Gerassim hatte nichts gehört, weder
das kurze Aufwinseln Mumus beim Fall noch das schwere Klatschen des Wassers;
für ihn war selbst der lärmende Tag so still und stumm wie für uns nicht einmal
die stillste Nacht, und als er die Augen wieder auftat, spielten auf dem Flusse
wie zuvor die kleinen Wellen, die einander nachzujagen schienen; wie zuvor
plätscherten sie und pochten an die Planken des Bootes, und nur fern dahinten,
dem Ufer zu, verloren sich die letzten weiten Ringe.“
Natalia Pschenitschnikowa, in:
Klangwerkstatt 2000 – Neue
Musik in Kreuzberg, Programmheft November 2000